ein Kommentar zumWeltvegetarierkongress aus der Berliner Zeitung vom 30.7.08
ich finde ihn ganz interessant.
Berliner Zeitung vom 30.07.2008
Zum Fleische drängt es nicht
Maritta Tkalec
Vegetarierinnen und Vegetarier aller Länder (genau: 33) haben sich in Dresden zum 38. Weltvegetarierkongress versammelt - 100 Jahre nach ihrem ersten globalen Treffen, das auch in Dresden stattfand. Die Idee, nichts von toten Tieren zu essen, gewinnt Anhänger, doch es ist auch der gegenläufige Trend zu registrieren. In den bevölkerungsreichen, aber armen Ländern wie Indien und China lebte die Mehrheit jahrhundertelang überwiegend vegetarisch. Dort nimmt der Fleischkonsum stark zu; Fleisch ist teuer, wer zu Geld kommt, gönnt sich was. Fleisch wird zu dem Statussymbol, das es auch bei uns lange war.
In den wohlstandsverfetteten Ländern hingegen brechen die Vegetarier aus der Nische. Ernährten sich 1983 schlappe 0,6 Prozent der Deutschen fleischlos, so sind es heute zehn Prozent (im Osten deutlich weniger). Der typische Vegetarier ist hierzulande weiblich, jung, hochqualifiziert oder studierend, lebt in einer Großstadt und ist überwiegend religionslos. Ein Viertel aller jungen Frauen verzichtet auf Steak und Wurst - ein Problem für junge fleischfressende Männer, denn in Essensangelegenheiten reagieren die meist schlanken Frauen mit reiner Haut sensibel. Der Anpassungsdruck wächst.
Vegetariertum war stets eine ethisch-moralisch aufgeladene Frage: Tierschutz im weitesten Sinne ist der Hauptgrund für die Abwendung vom Fleisch; Gesundheit und der Wunsch, schlank zu sein, folgen - wobei die moralischen im Vergleich zu den Gesundheitsvegetariern die strengeren sind. Auf jeden Fall gehören sie zu den Guten: Sie vermeiden Tiertötung, schonen die Umwelt, entlasten Klima und Krankenkassen, essen den Armen nichts weg. Allerdings signalisiert die Spaltung in zahlreiche Untergruppen mit eskalierenden Strengeregeln ein gewisses Fanatismusrisiko.
Solange das Gutsein gemäßigt betrieben, nicht an Vitamin B 12-bedürftigen Babys exerziert wird und pädagogische Dauerbelehrungen bei Tisch unterbleiben, ist alles prima, wird von Ernährungsphysiologen wie Mitmenschen begrüßt.




